Zeitungsartikel

Der folgende Text ist leicht verändert am 07.08.2012 in den Schorndorfer Nachrichten erschienen:

Schatzsuche in Ghana

Erster Bericht der Burg-Gymnasiasten von ihrem Partnerschaftsprojekt

„Wir sind stolz darauf, Ghanaer zu sein” – ein Satz, der sehr oft fällt, wenn man mit den Menschen hier über ihren Staat spricht. Und das – so können wir bereits aus unseren bisherigen Erfahrungen schließen – verwundert auch nicht.

Mehr als eine Woche ist es nun her, seitdem wir – sieben Schülerinnen und Schüler des Burg-Gymnasiums, begleitet von Eva-Maria Hartmann und Martin Jaeger – in diesem faszinierendem Land angekommen sind, das uns von Beginn an in seinen Bann gezogen hat.

Es gibt kaum eine Woche in unser aller Leben, in der wir so viele neue und überraschende Eindrücke gesammelt haben. Und das obwohl wir letztes Jahr in Deutschland ein intensives dreiwöchiges Projekt mit Gastschülern unserer ghanaischen Partnerschule gestaltet haben, bei dem wir sehr viele Einblicke in das Alltagsleben Ghanas bekommen haben.

Aber es gibt Dinge, die man erst glaubt, wenn man sie selbst in der Praxis erlebt hat. Die vollkommen neue Geruchswelt zum Beispiel, die sich einem öffnet, sobald man aus dem Flugzeug steigt: Gerüche, die kein Reiseführer je beschreiben könnte.

Oder etwa Ghanas expotentiell wachsender Verkehr – für jeden Fußgänger eine Art Spaziergang durch den Krokodilteich.

Doch all diese Erfahrungen könnte man auch auf einer Pauschalreise sammeln, unser entwicklungspolitisches Austauschprogramm allerdings bietet die einzigartige Möglichkeit in engen Kontakt mit der Bevölkerung zu treten und deren Alltagserfahrungen zu teilen.

Vor allem zwei Gruppen sind hier zu nennen:

Erstens unsere Gastfamilien, die uns fast die Hälfte unserer Zeit hier beherbergen. Sie alle sind Mitglieder der Tema Joint Church, einer ökumenischen Kirchengemeinde, die Träger unserer Partnerschule ist und unser Austauschprogramm großzügig unterstützt. Und sie alle sind der lebendige Gegenbeweis zu der Behauptung, dass die Armut in Afrika allgegenwärtig sei. Als wir ihre Häuser – nein, Anwesen – betreten, fallen uns die Kinnladen herunter: Selbst für europäische Verhältnisse ist der Lebensstil beeindruckend luxuriös – und im Vergleich zum europäischen von ständigem Leben erfüllt: Wenn nicht gerade irgendein Mitglied der vollkommen unübersichtlichen „extended family” zu Gast ist, erfüllen Bedienstete das Haus mit Leben. Für uns bedeutet das vor Allem eines: Noch mehr Gesprächspartner, um möglichst facettenreiche Einblicke und Eindrücke dieses Landes und seiner Seele zu bekommen, egal ob beim – für die deutsche Zunge übrigens gewöhnungsbedürftig scharfem – Essen oder bei abendlichen Spaziergängen. Und mehr und mehr entdecken wir, wie sehr sie sozial und kirchlich engagiert sind.

Die andere wichtige Gruppe für unser Austauschprogramm sind unsere Partnerschüler vom letzten Jahr, mit denen wir gemeinsam unser Projekt und Programm gestalten. Weil sie aus einfacheren Verhältnissen kommen, übernachten wir nicht bei ihnen. Trotzdem dürfen wir erfahren, wie und wo sie leben. Zugegeben – es ist schon ein ziemlich befremdliches Gefühl, das uns ergreift, wenn wir feststellen, wie einfach unsere Freunde, die sich genauso großstädtisch kleiden und  geben wie wir, tatsächlich leben und welchen langen Schulweg sie jeden Tag auf sich nehmen, um ein Stückchen jener Bildung abzubekommen, die für uns so selbstverständlich ist. Am Anfang hatten wir vielleicht ein unvermeidliches Schuldgefühl, jetzt allerdings imponiert es uns, mit welchem Stolz und welcher Selbstverständlichkeit die Partnerschüler und ihre Familien auf ihr Gastrecht bestehen, und im Zweifelsfall bis zu 20 Gäste in einem nicht sonderlich großen Wohnzimmer liebevoll mit frischen Früchten und Naschereien umsorgen.

Was allen Ghanaern – egal ob Gastfamilie, Austauschschüler, oder Zufallsbegegnungen – gemein ist, ist die große Freundlichkeit und Offenheit, mit denen sie all unseren Fragen begegnen und uns die Besonderheiten ihres Landes präsentieren.

Und da gibt es einige erwähnungswürdige Besonderheiten: Zum Beispiel das große Problem, das aufgrund verschiedenster Umstände sowohl Deutsche als auch Ghanaer damit haben, pünktlich zu kommen. Verspätungen zwischen 1 und 2 Stunden gehören nun fast zu unserem Alltag – in diesem Zusammenhang sprechen wir oft scherzhaft von der „Ghana Maybe Time”. Was gerade für uns pünktlichkeitsversessene Deutsche zunächst wie ein Alptraum klingt, kann bei näherem Betrachten auch eine positive Charaktereigenschaft darstellen. Die Fähigkeit zur Improvisation und dazu, das Positive an einer Situation auszumachen, nicht zu klagen – das  können wir auch schon nach dieser kurzen Zeit sagen – ist hier weit ausgeprägter als in unserem Heimatland. In diesem Hinblick – so unser Eindruck – ist Ghana weit freier als Deutschland.

Eine weitere Besonderheit ist das immer noch stark in der ghanaischen Seele verankerte Stammesdenken: Der Stamm – also die regionale und kulturelle Herkunft – zählt hier, wie wir im Gespräch immer wieder feststellen, zu den Grundfesten der eigenen Persönlichkeit und des gesamten Gesellschaftssystems. Er kann sogar im Zweifelsfall über die berufliche Zukunft seiner Stammesangehörigen entscheiden.

Dennoch halten Ghanaer zusammen, und sind stolz auf den Frieden – insbesondere zwischen Muslimen und Christen – und die Demokratie, die Ghana zu einem einzigartigen Land in Westafrika machen – Werte, die Ghanaer erfüllen und stolz machen, was wir durch ein tragisches Ereignis auch in der Lebenspraxis beobachten konnten: Seit am Dienstag der Präsident Ghanas, J.E. Atta Mills, starb, trauert Ghana gemeinsam, über Stammesgrenzen und – und das ist im Hinblick auf die im Dezember bevorstehenden Wahlen besonders erwähnenswert – über Parteigrenzen hinweg.

Gerade wegen dieses Zusammenhaltes ist es für uns ein besonderes Kompliment, wenn die Ghanaer uns zumindest als „Ghanaer im Herzen”  in ihren Kreis aufgenommen haben. Das Fazit also nach einer Woche: Nicht nur die Ghanaer selbst, sondern auch wir selbst sind stolz, Ghanaer zu sein.

Felix Rolf Bossner

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